Zur Zeit rasselt es in vielen Web-Tickern auf und ab: Die Online-Nutzung hat sich drastisch geändert. Laut der ARD/ZDF Onlinestudie 2007 ist die Internet-Nutzung innerhalb von nur 10 Jahren von 7% auf über 60% angestiegen. Das bedeutet in konkreten Zahlen, dass über 40 Mio. Internet-Nutzer in Deutschland leben. Besonders eine Altersgruppe hebt sich hier besonders hervor. Nein, nein – es ist nicht, wie man vielleicht vorschnell vermuten möchte, die junge Generation. Die sog. Generation der “Silver Surfer”, also Menschen über 50 Jahren, haben eine höhere Internetnutzung als Jugendliche bis zu 19 Jahren. Schon ein wenig erstaunlich, denn schließlich hab ich persönlich noch kein älteres Paar getroffen, welches sein Kaffeekränzchen per Email oder Chat geplant hat oder welches seinen Wochenendurlaub im Bayerischen Wald im Internet gebucht hat. Aber dennoch ist es bewiesen, dass diese Generation eine sehr hohe Beteiligung im Web hat.
Mir persönlich schwebt bei diesem Thema etwas ganz spezielles im Kopf. Web 2.0 – die Mitmachgesellschaft, das interaktive Web – bringt neue (alte) Technologien und ganz neue Möglichkeiten mit sich, um im Web selbst aktiv zu werden. Begriffe wie User Generated Content, Social Web, Social Commerce, Weblog, RSS-Feed, AJAX, Mashups, Wikis, XML, Geotagging, Tagging, Tag Cloud, Podcasting und wie sie alle heißen sind zur Zeit in aller Munde. Fast jeden Tag liest man von neuen Wortbildungen welche sich auf das Web 2.0 beziehen.
Bei all diesen Begriffen, die der 08/15 Internet-User evtl. noch nie in seinem Leben gehört hat, stellt sich doch die Frage ob sowas überhaupt – speziell für die Generation der Silver Surfer – benutzbar und bedienbar ist. Nicht erst seit Web 2.0 beklagen Internet-User, dass viele Webshops einfach nicht bedienbar sind. Entweder waren die Bestellprozesse nicht klar strukturiert aufgebaut, der Kunde konnte einfach nicht das im Shop finden wonach er eigentlich suchte, er verirrte sich in den Tiefen der Produktunterkategorien oder die Technik machte mal wieder einen Strich durch die Rechnung, weil der Nutzer nicht das notwendige neueste Flash-Plugin zur Ansicht der Ware installiert hatte. Wie dem auch sei, unzählige Warenkörbe sind vollgeladen stehen geblieben…
Und jetzt kommen durch Web 2.0 neue Technologien wie AJAX (nein, das ist kein Waschmittel) hinzu, die es ermöglichen einzelne Website-Inhalte nachzuladen, ohne dass die komplette Website nachgeladen wird. Hieraus entstanden dann Features wie z.B. interaktive AJAX-Warenkörbe, in denen man sich die gewünschte Ware einfach per Drag ‘n Drop in den Warenkorb ziehen musste, oder interaktive Schieberegler, bei denen sich bestimmte Auswahlmöglichkeiten einstellen lassen. Interaktive Elemente in Webshops sind also (vor allem von jungen Design-Agenturen) zur Zeit sehr beliebt.
Unabstreitbar ist natürlich, dass diese Features, wenn sie sinnvoll umgesetzt sind, einen gewissen Mehrwert bieten können. Ich denke da z.B. nur an eine optisches Signal bei der Überprüfung von Formulareingaben. So ist es z.B. möglich, unmittelbar nachdem der Benutzer seine Postleitzahl und seinen Ort in der Lieferanschrift angegeben hat, ein Ampelsymbol (Rot / Grün) einzublenden, welches anzeigt, ob die eingegebene Postleitzahl zum eingegebenen Ort passt, oder ob irgendwo eine Zahlen- / Buchstabendreher eingebaut wurde. Der Nutzer hat den Vorteil, dass er unmittelbar nach seiner Eingabe einen Hinweis bekommt ob alles i.O. ist und was genau nicht passt. Wir wissen ja alle wie ärgerlich dieses Katz-und-Maus-Spiel in Web-Formularen ist, bei denen nach Eingaben in 20 verschiedenen Feldern irgendwo auf der Website die Fehlermeldung “Bitte überprüfen Sie Ihre Eingaben !” versteckt ist, und der Bestellprozess einfach nicht fortzusetzen ist. Ja, und wo genau ist da mein Fehler ? ? ?
Dennoch bleib die Fragestellung offen, ob die Masse der Anwendungen gerade für die Generation Silver-Surfer bedienbar ist. Im Web haben sich gewisse De-Facto Standards durchgesetzt, wie z.B. “Oben Links gehts übers Logo zurück zur Startseite” oder “(Fast) alles was unterstrichen ist, ist ein Link”. Und da der Mensch nunmal ein Gewohnheitstier ist, tut er sich eben schwer, sich neue Vorgehensweisen anzueignen. Neue interaktive Elemente haben es da nicht einfach die nötige Benutzerakzeptanz zu erreichen, da deren Bedienung sich gerade in der Anfangszeit als problematisch erweist. Hierzu ist es meist erst notwendig, dass die richtig großen im Web (z.B. Amazon) diese Techniken anwenden…
Fazit: Wer also interaktive Elemente in seinem Webshop einsetzen möchte, der sollte zu allererst mal genau den Nutzen dieser Elemente erörtern und vor allem den Nutzen mit den Bedürfnissen seiner Zielgruppe abgleichen. Denn bekanntlicherweise ist die Konkurrenz im Internet nur einen Mausklick weit entfernt (und wenn die es besser können, dann kommt der Kunde nie nie nie mehr zurück)…
Wer mehr zu diesem Thema lesen will, dem sei der Artikel AJAX und Benutzerführung zu empfehlen (Achtung: Login erforderlich), welcher in der Ausgabe 11.2007 der Internet World Business erschienen ist.

